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 Ruth Geiersberger | © RG 

Ruth Geiersberger

 Das Verschwinden

Eine Installation mit performativen Verrichtungen von und mit Ruth Geiersberger und Komplizen: Geoff Goodman & Ardhi Engl (Metal, Word & Wire), Josephine Ann Endicott (ehem. Tänzerin bei Pina Bausch), Christoph Lammers (Zeichner und Performer), Michel Watzinger (Hackbrett), Wolfgang Struck (Literaturwissenschaftler und Leichhardt-Forscher) und Georg Glasl (Zither)

 

 

4.2. bis 16.2.2025
Staatliches Museum Ägyptischer Kunst (SMAEK)
Gabelsbergerstr. 35, 80333 München

Begehung der Installation: täglich außer Montag, 10–18 Uhr im Rahmen des Museumsbesuchs

Verrichtungen am 6.–8.2., 13.–15.2.
10 € / erm. 5 € | Tickets am Eingang zur Installation

Videos und Settings: Severin Vogl
Textrecherche: Andrea Kaufmann

www.verrichtungen.de

PERFORMATIVE HANDLUNGEN IN DER INSTALLATION
An 6 Abenden zelebriert Ruth Geierberger in der Installation mit ihren Komplizen notwendige Verrichtungen.

Eintritt: 10 € / erm. 5 € / Tickets am Eingang zur Installation

Do, 6.2.25 und Sa, 15.2.25 | 17 Uhr
Der Fluss der Dinge
Konzertant-performative Spontankomposition mit Geoff Goodman, Ardhi Engl und Ruth Geiersberger (Metal, Word & Wire)

Fr, 7.2.25 und Fr, 14.2.25 | 18.30 Uhr
Das verschwindende Jetzt
Performance mit der australischen Tänzerin Josephine Ann Endicott (ehem. Tänzerin bei Pina Bausch), dem Zeichner und Performer Christoph Lammers, mit Text-Verrichtungen von Ruth Geiersberger und Klängen von Michel Watzinger (Hackbrett)

Sa, 8.2.25 und Do, 13.2.25 | 17 Uhr
Über das Reisen und Erinnern und über Verschollenes
Vortrag von Prof. Wolfgang Struck (Literaturwissenschaftler und Leichhardt-Forscher) und Text-Verrichtungen von Ruth Geiersberger, mit Klängen von Georg Glasl (Zither)

Wie ist es, wenn man verschwunden ist? Löst man sich auf? Wird man nur unsichtbar und ist also noch da, nur in einem anderen Zustand? Sind wir Menschen kurz davor, durch das Desaster, das wir anrichten, uns selbst zu vernichten? Wollen wir das wirklich? Bleiben dann die Pflanzen übrig? Übernehmen sie die Herrschaft? In diesem Kontext entwickelt Ruth Geiersberger ihre beiden großen Projekte der letzten Jahre, »mit Pflanzen« (2019/20) und »Verlassenschaften« (2022), weiter. Dabei geht es ganz grundsätzlich um das VERSCHWINDEN. Auslöser war die Begegnung mit Ludwig Leichhardt, einem deutschen Botaniker, der im 19. Jahrhundert in Australien bei einer Exkursion verschwand. Zurück blieben nur seine Aufzeichnungen. Zur Recherche über das Phänomen des Verschwindens begab sich Ruth Geiersberger im Frühjahr 2024 auf eine Reise nach Australien.

Im SMAEK-Staatliches Museum Ägyptischer Kunst in München lädt Ruth Geiersberger dazu ein, eine Installation zu erkunden, die von ihren Recherchen Zeugnis ablegt. Dinge und Mitbringsel von dieser Reise, die wie zufällig übriggebliebene Erinnerungsträger auch als Grabbeigaben zu lesen sind, befinden sich im Ausstellungsraum. Alle Objekte sind in flüchtige Lichtstimmungen getaucht und finden nur für kurze Zeit einen bestimmten Platz. Videosequenzen über Geiersbergers Aktionen in Australien und mitgebrachtes Reise-Foto-Video-Material werden als Loop in unterschiedlichen Formaten in den Raum projiziert (Video: Severin Vogl). Auch diese Aufnahmen sind einem Prozess des Verschwindens unterworfen, wenn etwa die Linse eines Beamers von Tag zu Tag mehr eingetrübt wird, oder indem mit Hilfe einer Hand-Nebelmaschine die Bilder kurzzeitig verschwimmen. Ruth Geiersberger ist als Performerin während der Ausstellungszeit oft anwesend, räumt auf und um, verändert das Setting, bittet zum Gespräch und verschwindet wieder.

Gedanken über Koinzidenz und Verschwinden

Eine Einladung von Seiten des Humboldt Kolleg im März 2023 brachte mich recht unvermittelt und überraschend nach Sydney. Dort durfte ich im Rahmen der internationalen Konferenz »Netzwerk der Pflanzen und Sprache der Resonanz in Wissenschaft und Literatur« an der Universität Sydney im Bereich Literaturwissenschaft als Künstlerin über das Kommunizieren der Pflanzen in der Literatur performen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mit dem Münchner Komponisten Axel Singer, der seit 14 Jahren in Sydney lebt und arbeitet, in Kontakt zu treten. Er erzählte mir von eben diesem deutschen Botaniker Ludwig Leichhardt, der im 19. Jahrhundert in Australien verschwand. Axel Singer beschäftigt sich schon seit Jahren immer wieder mit den Tagebüchern des Botanikers. Er begann, einige musikalische Splitter zu komponieren, legte sie wieder zur Seite, nahm die Arbeit daran wiederholt wieder auf: eine Art Work in Progress über Leichhardts faszinierende Aufzeichnungen und über das VERSCHWINDEN im Allgemeinen. Axel Singers Tonschnipsel ruhen in seinen Gedanken-Schubladen und warten darauf, weiter auf Spurensuche zu gehen – oder wollen sie eher verschwinden? Nach meiner Rückkehr lernte ich den Literaturwissenschaftler Wolfgang Struck von der Universität Erfurt kennen, der schon lange über das Phänomen des Verschwindens, vor allem von Wissenschaftlern im 19. Jahrhundert, forscht, und eben auch über den in Australien abhanden gekommenen Botaniker Ludwig Leichhardt! Mit einer Kollegin schrieb Struck das Buch „Aus der Welt gefallen“ (mit Kapiteln wie: »allbewandert, unbewandert«, »Eine Karte des Verschwindens« oder »Vom Verschwinden des Menschen: Ein Kartenspiel«). Ich bin immer wieder fasziniert davon, warum man wann mit was, mit wem und wie in Berührung kommt. (Ruth Geiersberger)

ÜBER RUTH GEIERSBERGER

 2023 wurde Ruth Geiersberger der Theaterpreis der Landeshauptstadt München verliehen. In der Jurybegründung hieß es: Ruth Geiersberger ist seit über 30 Jahren eine Institution der freien Münchner Theater- und Performanceszene. Die Theatermacherin, Autorin, Sprecherin, Performerin und Produzentin ihrer eigenen Stücke entwickelt mit großem Ideenreichtum und bemerkenswertem Durchhaltevermögen seit Jahrzehnten ortsspezifische, partizipative und inklusive Arbeiten. Für ihre künstlerischen Projekte, »Verrichtungen«, wie sie es selbst nennt, verbündet sie sich stets mit anderen Künstler*innen, Musiker*innen, Tänzer*innen, Expert*innen und Laien verschiedener Generationen und Hintergründe. Auf innovative und gleichzeitig unterhaltsame Weise gelingt es ihr, überraschende Verbindungen zwischen Kunst und Alltag herzustellen, feinsinnig Bedeutungskontexte zu verschieben und alle nur denkbaren öffentlichen und privaten Räume – in ihren Worten »Alltagsparadiese« – für sich und ihr Publikum neu zu erschließen. Ihre Anfänge als Performerin liegen in der Münchner Off-Theater Szene. (…) Im Hoch X lädt sie zu »Kettenreaktion«, einem Dialog zwischen zwei Vertreter*innen verschiedener Generationen ein und in der Reihe „Wortwechsel und Widerworte“ im TamS Theater am Sozialamt bringt sie jeweils eine*n Handwerker*in und eine*n Künstler*in ins Gespräch, um dann nach einer kurzen Pause in einer unglaublichen Wort-, Gesangs- und Stimmkaskade das vorher Gehörte als gesungenes und gesprochenes »Protokoll« mit musikalischer Begleitung vorzutragen.

Ruth Geiersbergers künstlerisches Schaffen ist auch der lebendige Nachweis dafür, dass freie Szene nicht nur frei von finanzieller Absicherung bedeutet, sondern von einer Experimentierfreude zeugt, die ästhetische Erlebnisse und Ergebnisse ermöglicht, die in einem starren, institutionellen Rahmen kaum herstellbar sind. Denn ihre konzeptionellen Ansätze sind so vielfältig wie ihre Formate und tragen doch eine unverkennbar eigenständige Handschrift: immer beginnt alles sehr konkret, an einem Ort, mit einem Satz, mit einem Gegenüber, einer Verbündeten. Immer geht es um das Eröffnen neuer Kommunikationssituationen, das Erweitern von Denkräumen und das Herstellen außergewöhnlicher Begegnungen. Verbunden mit der ungeahnten Virtuosität ihrer Laut- und Sprachakrobatik stellt sie vielschichtige, fragile und unvergessliche künstlerische Momente her.